Sowjetisches Speziallager № 7

Ein Projekt des Louise Henriette Gymnasiums Oranienburg

Einzelschicksale

Winfried Krüger

Winfried Krüger während des Zeitzeugengesprächs 2006 Winfried Krüger wurde am 13.09.1923 in Stremmen bei Beeskow geboren. Nachdem er im Jahr 1942 sein Abitur absolviert hatte, meldete er sich aufgrund der Militärkarriere seines Vaters und der nationalsozialistischen Einstellung der Familie freiwillig zum Wehrmachtsdienst in Potsdam. Im Jahr 1944 wurde er dann schließlich zum Leutnant befördert.
1942 wurde Winfried Krüger in Belgien/ Nordfrankreich und Dänemark stationiert. Es folgten bis 1945 erste Kriegseinsätze in der damaligen Sowjetunion (wobei er von einem Granatsplitter schwer verwundet wurde) und im Baltikum. Nach der gescheiterten Ardennen- Offensive, an der er ebenfalls teilnahm, begab er sich im Februar desselben Jahres freiwillig in eine einjährige amerikanische Kriegsgefangenschaft in Attichy/ Nordfrankreich, später in Bad Kreuznach.
Anfang Februar 1946 wurde Winfried Krüger aus der Kriegsgefangenschaft in die sowjetische Besatzungszone entlassen, da er in seine Heimat zurückkehren wollte. An der Demarkationslinie wurden ihm jedoch seine Entlassungspapiere von sowjetischen Soldaten abgenommen und er geriet überraschend in erneute Kriegsgefangenschaft. Über Erfurt wurde er dann in das Speziallager Nr.7 nach Sachsenhausen gebracht.
Krüger berichtete, dass Langeweile dort Alltag war, weil es noch keine Arbeitseinsätze gab. Viele Häftlinge versuchten die Langeweile mit Schachspielen zu überbrücken, da dies von der Lagerverwaltung geduldet wurde. Zwischen den einzelnen Baracken fanden sogar Schachturniere statt. Da die Lebensmittelrationen sehr knapp waren, entstand unter den Inhaftierten, sowie mit den sowjetischen Soldaten, ein reger Tauschhandel. Unter anderem wurden Zigaretten gegen Essbares eingetauscht.
Im Juli 1946 wurde Winfried Krüger auf einer 21-tägigen Reise in einem Viehwaggon über Frankfurt/Oder in ein Arbeitslager in der Sowjetunion gebracht. Dort arbeitete er im Strassen- und Häuserbau, sowie bei Ernten. Da auch hier katastrophale Bedingungen vorherrschten, erkrankte Winfried Krüger und kehrte am 19. Juli 1947 mit dem ersten Rücktransport nach Deutschland zurück.
Er erlernte von 1947 bis 1949 den Beruf des Maurers und studierte dann bis 1952 an den Vereinigten Bauschulen Ingenieurwesen. Ab 1952 war er in der Industrieplanung tätig, unter anderem als Abteilungsleiter und zeitweilig als stellvertretender Direktor in der VEB Industrieprojektierung Berlin. Später arbeitete er im Bau- und Montagekombinat Kohle und Energie und unternahm mehrere Reisen in die Sowjetunion.

Noch heute ist er an der Aufarbeitung von Informationen zum Speziallager Nr.7 Sachsenhausen beteiligt und leistet als Zeitzeuge Beiträge von großer Bedeutung.

Die Greußener Jungs

Kurz nach Ende des 2.Weltkrieges drangen alliierte Truppen in ganz Deutschland vor. In vielen Orten gerieten deutsche Soldaten in Gefangenschaft der Alliierten und ihr Schicksal blieb zunächst im Ungewissen. Neben den Soldaten wurden auch zahlreiche Zivilisten ohne Urteil und willkürlich inhaftiert. Oft existierten Gerüchte über geheime Organisationen, die angeblich ein nationalsozialistisches Deutschland ganz nach Vorbild Hitlers wieder errichten wollten. Eine dieser Organisationen sollte die Gruppe "Hitlers Werwölfe" sein. Vielen Unschuldigen wurde diese Bezeichnung zum Verhängnis - so auch den "Greußener Jungs":

Greußen ist eine Kleinstadt in Thüringen, die nach Kriegsende zunächst durch die Amerikaner besetzt und im Dezember 1945 an die sowjetischen Truppen übergeben wurde. Am 17.1.1946 wird Hans Götze einen Tag vor seinem 15. Geburtstag von deutschen Hilfspolizisten, die von KPD- Mitgliedern einen "Geheimtipp" erhielten, festgenommen und zum Rathaus von Greußen gebracht. Dort wurde er nachts von sowjetischen Offizieren und Angestellten des NKWD verhört und später in das Gefängnis von Sondershausen, einer Stadt im Norden von Greußen, gebracht. Hier fanden weitere Verhöre statt. Kurt Weiß, der ebenfalls aus Greußen stammt und denselben Anschuldigungen unterlag, berichtet folgendes über die Verhöre:
"Die meiste Zeit habe ich am Boden gelegen und die [sowjetischen Offiziere] haben auf mich eingedroschen und immer wieder gerufen: 'Du lugen'. Sie sagten nicht ,Du lügen', sondern ,Du lugen'. 'Schto prawda, schto prawda' - was ist die Wahrheit, wollten sie von mir wissen. In der dritten Nacht bin ich schon nicht mehr in der Lage gewesen, irgendwie zu denken. Ich habe einfach nur gedacht: Es muss ein Ende haben. Ich sollte sagen: Ich bin ein Werwolf. Und dann hab ich einfach unterschrieben, weil ich einfach meine Ruhe haben wollte."

Wie Kurt Weiß wurden viele der Jugendlichen erpresst eine Tat zuzugeben, für die sie nie die Verantwortung trugen. Weiß berichtet weiterhin, dass er nicht viel gefragt wurde. Es ging allein um die Frage, ob er ein "Werwolf" sei. Viele unterschrieben aber auch, da sie sahen, in welcher Form Mithäftlinge von den sowjetischen Offizieren behandelt wurden. So auch Hans Götze, in dessen Zelle ein 45-50 Jahre alter Häftling mit eingewiesen wurde und von den Offizieren innerhalb von 14 Tagen bei den Verhören zu Tode geschlagen wurde. Aus Angst vor solch ähnlichen Verhören unterschrieb nun auch er die Aussage, dass er ein "Werwolf" sei.

Nach den Verhören fand ein Gerichtsprozess statt, der durch das sowjetische Militärtribunal (SMT) geleitet und von Zeugenaussagen Greußener Bürger gestützt wurde. Alle der "Greußener Jungs" widerriefen die Behauptung "Werwölfe Hitlers" zu sein. Dennoch wurden sie zu 15 Jahren Haft verurteilt, einer von ihnen sogar zum Tode. Viele der Verurteilten versuchten nun Kontakt zu ihren Eltern aufzunehmen, die vom Schicksal ihrer Kinder noch nichts erfahren hatten. Dies geschah dann auch mit Hilfe von Luftzeichen in Form von Druckbuchstaben.

Im November 1946 wurde Hans Götze zusammen mit vielen anderen Häftlingen in das Speziallager Nr.7 nach Sachsenhausen gebracht. Die Überlebensbedingungen in diesem Lager waren katastrophal: So bekam jeder Häftling zum Beispiel neben Suppe nur 300g Brot.

Anlässlich des ersten Parteitag der SED wurden sie dann freigelassen.
Von den 38 Jugendlichen kehrten nur 14 wieder nach Hause zurück.

Hans-Joachim Mertens

H.-J. Mertens wurde am 05. Mai 1926 in Bretsch/Osterburg geboren.
Er war in der HJ als "Scharfführer" tätig. Kurz nach Kriegsende geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der Mertens im Juni 1945 fliehen konnte.
Danach begann er eine Schlosserlehre bei einer Firma in seiner Heimatstadt.
Nach rund vier Wochen Freiheit wurde der erlernte Bäcker von den Sowjets in seiner Wohnung in Osterburg am 23. Juli 1945 abgeholt. Von dort aus wurde er über Tangermünde und Wessow nach Sachsenhausen im August 1945 deportiert. Dort war Mertens in Baracke 39, Zone 1 untergebracht. In dieser Baracke lebten ca. 120 Mann.
Seine Tätigkeit wähernd der Internierung arbeitete er als Dachdecker unter der Leitung eines Dachdeckermeisters aus Falkensee.
Sein Vater, Wilhelm Mertens, verstarb am 07. Februar 1946 an einer Lungenentzündung im Speziallager Sachsenhausen.
Am 30. Januar 1947 wurde Mertens aus dem SL entlassen, um dann sofort nach Prokopjewsk im Kusnezbecken, Sowjetunion, deportiert zu werden. Dort kam er dann am 04. März des selben Jahres an. Erst am 23. Oktober 1948 bekam Hans-Joachim Mertens sein Entlassungsschein im sibirischen GULAG und fuhr daraufhin nach Hause.