Sowjetisches Speziallager № 7

Ein Projekt des Louise Henriette Gymnasiums Oranienburg

Häftlingsgruppen

Wehrmachtsoffiziere

Viele der in Sachsenhausen inhaftierten Wehmachtsoffiziere wurden bereits vor ihrer Gefangenschaft in der sowjetischen Besatzungszone von den Westalliierten in provisorischen Gefangenenlagern auf den Rheinwiesen festgehalten, bevor sie in besser organisierte Lager nach Frankreich gebracht wurden. Die von den Westalliierten Entlassenen stellten, sofern sie in der SBZ wohnhaft waren, meist einen Antrag zur Überstellung nach Erfurt in den sowjetisch besetzen Teil Deutschlands.
Dort sollten ihre Entlassungsunterlagen, die während der Fahrt abgenommen wurden, von der sowjetischen Militärverwaltung nur noch überprüft werden. Der Aufenthalt in Erfurt, so versprach man, würde nur wenige Tage dauern.
Anfangs konnten sie sich im Lager auch weitesgehend frei bewegen und Verwandte empfangen, später wurden sie gemäß ihres militärischen Ranges getrennt. Für viele Soldaten untersten Ranges endete hier die Kriegsgefangenschaft mit ihrer Entlassung.
6500 Offiziere und höherrangige Militärs - viele von ihnen erst in den letzten Kriegstagen befördert - wurden jedoch für den Weitertransport nach Sachsenhausen vorbereitet. Der erste Transport von 26 Offizieren nach Sachsenhausen begann am 23. Januar 1946 (7 der 26 Offiziere konnten während der Fahrt fliehen). Dort verbrachten sie viele Jahre ohne jegliches Gerichtsurteil, ein Status als Kriegsgefangene blieb ihnen verwährt. In 4 Tauglichkeitsgrade eingeteilt, wurden viele ab Herbst '46 für den Arbeitsdienst in die Sowjetunion geschickt. Für sie folgte ein weiterer Abtransport über Frankfurt (Oder) zu diversen Zielen in der gesamten Sowjetunion. Viele von ihnen kehrten erst in den 50er Jahren über das Heimkehrerlager Gronenfelde in ihre Heimat zurück, in der sie meist noch der DDR-Strafvollzug erwartete.

Russische Emigranten und Bürger der Sowjetunion

Neben den inhaftierten Deutschen gab es in Sachsenhausen auch eine hohe Anzahl an Bürgern der Sowjetunion, die aus verschiedensten Gründen hier inhaftiert waren. Dabei handelte es sich vorwiegend um russischen Emigranten, sowjetische Kriegsgefangene, ehemalige Zwangsarbeiter und sogar Soldaten der Roten Armee. Nach der Besetzung Deutschlands begann der NKWD mit der Verfolgung dieser mit dem Ziel, sie später in die Arbeitslager in der Sowjetunion (GULAG) zu deportieren. Die Zahl der russischen Emigranten und Sowjetbürger im Speziallager Nr. 1 wird auf ca. 7 300 geschätzt. Sie wurden in abgesonderten Baracken untergebracht. Zusätzlich gab es in der Zone II ein „Spezhospital", in dem geschlechtskranke Soldaten interniert waren, da das Leiden an Geschlechtskrankheiten bei der Roten Armee als Straftat galt. Dort waren die Soldaten gezwungen, die blau-weiß gestreifte Kleidung der der ehemaligen KZ-Häftlinge zu tragen. Ab 1945 begann die Suche nach emigrierten Adligen, Beamten, Offizieren und Unternehmern, die nach der Oktoberrevolution 1917 geflohen waren und sich nun auf Grund von „Verbrechen gegen die Sowjetunion" zu verantworten hatten. Im Verlauf des Krieges gerieten ca. 5,3 Millionen Rotarmisten in deutsche Gefangenschaft. Da Stalin Angst vor der Rückkehr dieser hatte, beauftragte er den NKWD mit Überprüfungen in „Filtrations- und Überprüfungslagern" (zu denen auch Sachsenhausen gehörte). Als verdächtig Angesehene wurden in Sachsenhausen interniert. Auch Angehörige der eigenen Armee wurden auf Grund von Dienstvergehen (Trunkenheit, Ungehorsam, Wachvergehen, unerlaubtes Entfernen, Selbstverstümmelung oder "mangelnder Arbeitseifer") verurteilt und festgenommen. Zu dieser Gruppe gehörten auch Rotarmisten die aufgrund von Übergriffen auf die Zivilbevölkerung (Vergewaltigungen, Plünderungen etc.) verurteilt wurden. Eine weitere Sondergruppe bildeten die Soldaten der „Russische Befreiungsarmee" (RBA), die während des Krieges auf deutscher Seite aus sowjetischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen gebildet wurde, und sich am Kampf gegen die Rote Armee beteiligte. Die Soldaten der „RBA" erhofften sich durch ihren Einsatz eine bessere Versorgung mit Lebensmitteln. Nach dem Sieg der Roten Armee begann der Geheimdienst gezielt nach den Angehörigen der „RBA" zu suchen, um sie in Speziallager wie Sachsenhausen zu deportieren.

SMT-Verurteilte

Eine besonders große Zahl der Inhaftierten bildeten die sogenannten SMT-Verurteilten. Gründe für eine Verhaftung waren unter anderem Widerstand gegen die Besatzer, Waffenbesitz, Werwolfaktivität, Sabotage, aber auch NS-Verbrechen (Euthanasie-Befehle, Ermordung von Zivilisten und Gefangenen).
Foto: ZDF-Online
Sie wurden nach Kriegsende von Tribunalen der Roten Armee nach geltendem UdSSR-Recht verurteilt. Die Todesstrafe stand dabei auf Delikte wie "konterrevolutionäre Verbrechen" und "antisowjetische Tätigkeit". Den Prozessen gingen brutale Verhöre, Folter, sowie erpresste Geständnisse voraus. Der Prozess selbst wurde nicht öffentlich und in nur wenigen Minuten (teilweise sogar in Abwesenheit des Angeklagten) durchgeführt, die Prozessakten sind bis heute größtenteils unzugänglich.
Insgesamt waren in Sachsenhausen 12 000 Deutsche, sowie 4 000 Sowjetbürger und Bürger anderer Nationalitäten inhaftiert. Unter den Verurteilten findet sich eine große Zahl junger Menschen ohne direkten Bezug zum NS-Regime. Grundlage für viele Verurteilungen bildete der erst am 25. Januar 1955 aufgehobene Status des "Kriegsgebietes" über die SBZ/DDR. Sachsenhausen bildete dabei den Haftort für SMT-Verurteilte mit Haftstrafen unter 15 Jahren. Mit der Abschaffung der Todesstrafe in der Sowjetunion im Jahre 1947 wurden viele Todesurteile in langjährige Haftstrafen (meist 25 Jahre) umgewandelt, kamen jedoch somit fast einem Todesurteil gleich. Ebenso wie bei den Wehrmachtsoffizieren folgte auch für viele SMT-Verurteilte der DDR-Strafvollzug.

Das "Spezkontingent"

Das so genannte "Spezkontingent" stellte mit ungefähr 50% der Häftlinge den größten Teil der Inhaftierten dar. Auf Grundlage des "Befehls Nr. 00315" sollte es im Zuge der "Entnazifizierung" zu Verhaftungen von früheren Mitarbeitern nationalsozialistischer Verfolgungsbehörden, Leitern von Verwaltungen sowie "aktiven Mitgliedern" der NSDAP kommen. Tatsächlich waren es vor allem untere und mittlere Funktionsträger der NSDAP sowie in kleinerer Zahl auch Angehörige der SS, des SD, der Gestapo, der KZ-Wachmannschaften und Mitarbeiter von Ministerien und Behörden, aber auch einfache Mitglieder der NS-Jugendorganisationen, politische Gegner und willkürlich verhaftete Zivilisten. Die Intention der Sowjetunion war neben der Ausschaltung der nationalsozialistischen Funktionsträger auch die Durchsetzung eines kommunistischen Führungsanspruchs in der sowjetischen Besatzungszone. Foto: Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen
Ein großes Problem war die Pauschalisierung der so genannten "Werwölfe", einer eher propagandistischen Aktion der Nationalsozialisten die deutsche Bevölkerung zu einem Partisanenkampf gegen die Alliierten aufzurufen. Diese Aktion fand in der Bevölkerung jedoch kaum Anklang, wurde jedoch von den Besatzermächten sehr überschätzt, sodass es zu vielerlei willkürlicher Verhaftungen von vorwiegend Jugendlichen kam, die aus Leichtsinn eine Waffe bei sich trugen.
Es gab durchaus auch prominente Inhaftierte des Speziallagers in Sachsenhausen, wie zum Beispiel die Bürgermeister von Oranienburg (Oskar Fuchs) und Lehnitz (Alfred Jacob), der Werbe- und Industriefilmer Hans Fischerkösen ("der deutsche Walt Disney") oder der erste Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft Otto Nerz. Der bekannteste unter ihnen war der populäre Schauspieler und Intendant des Schiller-Theaters Heinrich George. Er hatte eine privilegierte Stellung im Lager und spielte oft im eigens eingerichteten Lagertheater vor anderen Häftlingen. 1946 verstarb er an den Folgen einer Blindarmoperation und erhielt als einziger Häftling ein Einzelgrab.